„In ihrer Branche kannst du die Frauen immer noch an einer Hand abzählen…“
Daniela Göttsch redet und lacht gerne und bei ihr wird es nie langweilig … In ihrem ersten ¡HOLA DANNI! Podcast hat sie Juliane Rahn eingeladen. Juliane ist Betriebswirtin und kaufmännische Leiterin im eigenen Familienunternehmen, einem mittelständischen Bauunternehmen mit Sitz in Schwentinental. So war der Weg für Juliane nach Heikendorf ins Studio von Danni nicht weit.
Name: Juliane Rahn Alter: 40 Jahre
Beruf: Betriebswirtin, kfm. Leiterin im mittelständischen und familiengeführten Bauunternehmen
Familie: groß, laut und unverzichtbar (und falls damit der Familienstand gemeint ist: ich lebe mit meinem Partner zusammen)
Lebensmotto: Einfach machen.
Lieblingsorte: mein zweites Wohnzimmer, das Café Brunswik in Kiel, die Atlantikküste in Spanien und schon seit meiner Jugend ist für mich Zermatt in der Schweiz ein besonderer Sehnsuchtsort
Was bedeutet für dich authentisch sein? Auch in unbequemen Momenten bei sich zu bleiben und für den eigenen Standpunkt einzustehen.
Danni: Hola Juliane. Erzähl doch mal, wie bist du dazu gekommen, in euer Familienunternehmen und damit in die Baubranche einzusteigen?
Juliane Rahn: Das war tatsächlich ein langer Weg. Ich habe früher mal etwas ganz anderes gemacht. Ich bin eigentlich Sozialwissenschaftlerin und Politologin. Und als die Jobsuche oder auch die Karriere sich nicht ganz so gestaltet hat, wie ich mir das vorgestellt habe, habe ich nochmal einen Bachelor in BWL drangehängt und dann habe ich irgendwann das Angebot meines Vaters wahrgenommen, in unser Familienunternehmen, einem mittelständischen Bauunternehmen, einzusteigen.
Die wievielte Generation bist du jetzt in eurem Unternehmen?
Ich bin jetzt die vierte Generation und die erste Frau in der Familie, die ins Unternehmen eingestiegen ist.
Das ist doch bestimmt total schräg, wenn man als Frau auf eine Baustelle kommt – musst du dich da besonders durchsetzen?
Überwiegend arbeite ich schon im Büro und habe eher die Zahlen im Blick. Aber ich bin auch fair: Ich kündige mich an, wenn ich auf die Baustellen komme. Die Mitarbeiter wissen schon gerne, wenn die Chefin vorbeikommt. Ich habe das große Glück, dass wir ein cooles Team haben.
Auch ein jüngeres Team dann?
Wir werden gerade jünger, das freut uns natürlich sehr. Aber wir haben natürlich auch Mitarbeiter, die sind schon länger im Unternehmen, als ich überhaupt einen Stift halten kann…
Und, ist das schwierig dann?
Im Zweifel kennen mich die Mitarbeiter dann noch aus der Zeit, als ich noch für ein Taschengeld Unkraut gejätet habe auf dem Firmengelände. Aber ich bin eben auch die Tochter und da wird generell erstmal geschaut: Hat die jetzt den Job, weil sie zur Familie gehört …
Wie ist das denn auch in der Außendarstellung, zum Beispiel bei Empfängen oder so? Ich weiß das nur von meinem Job als Fotografin, als ich anfing, das war so um die 2000er. Da habe ich mich selbstständig gemacht und war oft die einzige Frau, die lukrative Jobs bekommen hat. Da war schon eine gewisse – ich sag mal Stutenbissigkeit. Das kann ich mir bei dir auch vorstellen, dass die Mitbewerber dich auch auflaufen lassen haben, so nach dem Motto, was willst du eigentlich, wir sind ja schon viel länger im Job.
Auf jeden Fall. Also gerade auf diesen offiziellen Veranstaltungen, zu denen man eingeladen wird, Handwerkskammer, IHK, Innungen, diverse Banken. Die Handwerkskammer einmal ausgenommen, da zeigt sich doch ein eher hemdsärmeliges Bild. Bei vielen anderen Empfängen trifft man aber tatsächlich erstmal auf eine Wand von Anzügen. Und es ist witzig, wenn man nicht gleich sagt, was man macht. Da kommen dann nachher wirklich große Augen. Hinzu kommt, dass man es als Frau oft schwerer hat in die Gruppen reinzukommen. Es stehen dann fünf Männer zusammen…
… und du bist ja nicht auf den Mund gefallen…
Absolut nicht, nein, aber eine gewisse Unsicherheit ist schon da – vielleicht auch egal welches Geschlecht – aber wenn man als Frau auf so eine große Männergruppe zugeht, ist das nicht immer einfach.
Also ich kenne das auch, wenn ich mit meinem Mann Carlos (Carlos Göttsch, Architekt – Anm. der Redaktion) bei Veranstaltungen bin, dann bin ich oft die Frau daneben. Ich weiß ja nicht, wie das jetzt mit deinem Freund ist – du bist dann ja quasi in der anderen Position, oder?
Ja, also tatsächlich ist mein Freund wahnsinnig gut vernetzt und er hat tatsächlich auch schon einige Kontakte hergestellt. Ich musste ihm aber auch beibringen, dass er mich vorstellen muss, dass man nicht nur die Freundin oder die Frau von dem Mann ist.
Und gibt es etwas, was du gerne noch mal verwirklichen möchtest – so außerhalb des Jobs?
Also ich hatte ja eine To-Do-Liste, die ich abgearbeitet habe. Und ich habe mir gesagt, bevor ich 60 werde, möchte ich gerne so ein paar Dinge machen. Unter anderem ein Buch schreiben, das habe ich ja auch gemacht…
Ja, total cool.
Und dann sind da halt noch so ein paar andere Sachen, also so ganz simple Sachen, einfach mal mit dem Camper durch Europa zu fahren oder in ein besonderes Restaurant zu gehen. Hast du auch sowas?
Mir sind zum Beispiel meine Freundschaften wahnsinnig wichtig und tatsächlich plane ich mit einer Freundin, die inzwischen drei Kinder hat und in Frankfurt lebt, mal wieder so einen richtigen Girls Trip. Ich meinte auch grad vor Kurzem, wir dürfen nicht nur drüber sprechen und müssen jetzt mal einen Termin machen.
Ein ganz anderes Thema: Politik. Also ich persönlich habe im Moment echt so ein bisschen Weltschmerz. Das ist, wenn ich morgens aufwache und so denke, wow, unsere Generation ist eigentlich die Glücklichste. Wir haben bislang keinen Krieg erlebt und wir hatten immer genug zu essen. Du bist ja noch ein wenig jünger. Vielleicht sagst du mal, wie alt du bist?
Ich bin 40 Jahre alt.
In den 80ern hatten wir Aids und den Kalten Krieg…Was ich sagen will: Die Dinge, die man vorhat, sollte man dann auch einfach mal machen. Ich weiß doch gar nicht, was morgen ist.
Also tatsächlich geht mir das ähnlich wie dir, zumal mein Bruder bei der Bundeswehr ist. Und dann macht man sich auch noch mal mehr Gedanken: Das ist doch alles viel näher dran, als es einem lieb ist. Nicht, dass mir der Krieg vorher egal war, aber es hat einen persönlich noch relativ wenig beschäftigt. Ich werde nie vergessen, als der Ukraine-Krieg losging. Meine Großmutter war zu Hause – das war ja auch Corona-Zeit – und ich habe sie immer mit Einkäufen beliefert, und dann stand sie an der Tür, ich habe ihr das alles gebracht und sie hat ganz ernst und ganz traurig gesagt: Jetzt haben wir wieder Krieg. Und das hat mich irgendwie total berührt, weil ich so dachte, wieder Krieg – ich habe noch nie einen Krieg so nah erlebt.
Ja, aber die haben es natürlich immer noch in den Knochen, also ich hatte ja eine Ur-Oma, die 1899 geboren wurde und die noch einen Kaiser erlebt hat, den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, Weimarer Republik, die Nazi-Zeit und den Zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau, Helmut Schmidt – sie hat auch gehofft, dass die Menschheit jetzt mal schlauer geworden ist.
Es geht den meisten so, dass man einfach denkt, wie kann es sein, dass wir so weit entwickelt sind und dann töten wir uns immer noch gegenseitig im Krieg. Ich finde das ganz schlimm.
Aber du hast mir jetzt immer noch nicht gesagt, was du gerne nochmal machen möchtest.
Also, ich denke gerade darüber nach, dass ich wieder gerne mit einer Sportart richtig anfangen würde. Ich habe als Jugendliche Golf gespielt, auch sehr begeistert. Letztes Jahr habe ich wieder die Golfschläger ausgepackt. Ich habe echt Lust zu sehen, was man erreichen kann, wenn man sich mit Herzblut reinhängt.
Und was man dann aber auch mit dem Job vereinbaren kann. Für Golf brauchst du ja schon richtig Zeit … wenn ich sehe, wie die Jungs da sechs Stunden über den Platz laufen und dann wird immer gesagt, wir machen Geschäfte.
Auf die Geschäfte hoffe ich dann auch. Mit der Zeit und der Motivation ist es manchmal schwierig.
Ja, genau – die Motivation. Und ja, wir sind schon am Ende. Aber zum Schluss muss ich dich wirklich nochmal was fragen: Was sagst du zu diesen ganzen Vorschriften im Baugewerbe? Das betrifft euch doch auch. Was würdest du dir wünschen von unserer Regierung, speziell für eure Branche? Das wäre vielleicht nochmal so ein schönes Schlusswort.
Entscheidungsfreudigkeit.
Die kurzen Wege?
Genau, das ist ja Entscheidungsfreundlichkeit! Und dann bitte auch nicht nur: Wir schaffen das, sondern: Wir machen das.
Ja, in diesem Sinne. Schön, dass du da warst.
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