Beziehungen leben: ,,Wo nichts mehr geht, fängt ganz viel an“

11. April 2026

In Beziehungen geht es darum, wirklich zuzuhören

Beziehungen verändern sich manchmal schleichend und manchmal plötzlich. Martina Hessler hilft Paaren und Einzelnen dabei, Lösungswege zu finden, wo
Situationen vielleicht ausweglos erscheinen.

Name Martina Hessler
Beruf Systemische Beraterin, Paar- und Familientherapeutin
Familie verwitwet, seit 14 Jahren in glücklicher Beziehung lebend, 3 erwachsene Kinder, 5 erwachsene Stiefkinder, 3 Enkelkinder – allesamt wundervolle Menschen
Lebensmotto Wo nichts mehr geht, fängt ganz viel an!
Lieblingsorte Die sind allesamt in der Natur: in meinem Garten, am Meer, im Wald und am Feuer.
Was bedeutet für dich authentisch zu sein?
Authentisch bin ich, wenn ich mich mit all dem, was ich bin, zeige. Dazu musste (oder durfte) ich durch viele Höhen und Täler gehen, mich häuten und alte Rollen und Muster überprüfen, um erfahren zu können, was sich tatsächlich gut und richtig für mich
anfühlt und wie ich leben möchte.

www.martina-hessler.de

WITC: Gab es für dich einen persönlichen oder beruflichen Moment, der dich zur systemischen Beratung geführt hat? Und wie hat dieser deinen Blick auf Beziehungen geprägt?

Martina Hessler: In der Zeit zwischen 1995 – 2005 war ich als Einrichtungsleitung in unterschiedlichen Einrichtungen der Altenhilfe tätig. Dort war ich erstaunt, dass mir sowohl die Bewohner, wie auch die Angehörigen immer wieder ziemlich schnell sehr persönliche Dinge erzählt haben. Auch in Gesprächen, deren Anlass eine Beschwerde war, kamen wir häufig an dahinterliegende Themen, für die eine Beschwerde lediglich der Aufhänger zu sein schien. Mein ehrliches Interesse an den Menschen, ihren Nöten und inneren Themen in aller Unterschiedlichkeit schien die Vertrauensebene gebildet zu haben.

Viele Menschen kommen erst in die Beratung, wenn der Leidensdruck hoch ist. Wie gestaltest du einen Rahmen, in dem auch Schmerz, Scham oder Wut ihren Platz haben
dürfen?

Nicht nur meine Ausbildungen – vielleicht sogar eher meine eigenen Lebenserfahrungen – haben mich zu einer offenen und wertschätzenden Haltung anderen Menschen gegenüber befähigt. In meinem Leben gab es viele Situationen, in denen ich mich selbst so erleben musste und durfte, wie ich es mir nicht vorstellen konnte und wollte. Das macht demütig, unerschrocken und vor allem offen und urteilsfrei für die Vielfalt der Lebensthemen. Vielleicht ist es das, was andere Menschen spüren, wenn wir uns in ihren für sie schwer gefühlten Themen bewegen.

Warum machst du systemische Beratung und was ist für dich besonders daran?

Da fällt mir gerade eine Metapher ein: Wenn eine Blume nicht blüht, mache ich nicht die Blume selbst dafür verantwortlich. Ich betrachte die Qualität des Bodens, des Wassers und des Lichts. Die systemische Therapie sieht ebenso nicht den Menschen als das Problem, sondern eingebunden in Systeme, das heißt, er/sie gehören zu einem größeren Ganzen und stehen in Wechselwirkung miteinander.

Systemische Beratung lebt auch von Haltung. Welche Werte leiten dich in deiner Arbeit, gerade in Situationen, in denen es keine einfachen Antworten gibt?

Ich bin mir sehr bewusst, dass jeder Mensch Situationen unterschiedliche Bedeutungen gibt und diesen durch seine Erfahrungen unterschiedlich begegnet. Mit Neutralität und Respekt zu den jeweiligen Lebenseinstellungen, Werten, Vorstellungen und Entscheidungen sowie einer Wertschätzung auf das bisher Erlebte und Geleistete schaue ich gemeinsam mit den Menschen ressourcen- und lösungsorientiert auf ihre individuellen Lösungswege. Und manchmal geht es auch gerade nur darum auszuhalten, dass mögliche Veränderungen sich nicht leicht und dennoch stimmig anfühlen.

Du arbeitest sowohl mit Einzelpersonen als auch mit Paaren. Was verändert sich in deiner Rolle, wenn nicht nur eine Geschichte, sondern zwei – oder mehr – gleichzeitig im Raum sind?

In der Arbeit mit Paaren ist es notwendig allparteilich zu sein, das heißt, die Perspektive jedes einzelnen zu achten und mich emphatisch einzufühlen, ohne Stellung zu beziehen oder mich dauerhaft zu positionieren. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Paare in einen ehrlichen Austausch zu bringen und dabei wertschätzend zu kommunizieren.

Welche Beziehungsthemen oder innere Konflikte begegnen dir aktuell besonders häufig – und was erzählen sie über die Zeit, in der wir leben?

Kommunikation war und ist ein großes Thema in Beziehungen und darin geht es häufig darum, sich wirklich zuzuhören. Beziehungen verändern sich manchmal schleichend und manchmal auch plötzlich. Auszuhalten, dass mein Gegenüber die Welt vielleicht gerade ganz anders sieht oder auch Gefühle und/oder Bedürfnisse vorherrschend sind, die bisher nicht da waren oder auch nur nicht ausgesprochen wurden, stellt häufig eine große Herausforderung dar. Und auch weil gerade in dieser Zeit die Bereitschaft zu Veränderungen mehr denn je abgefordert wird, kann dies für einige Menschen als haltlos empfunden werden.

In der Paartherapie treffen unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinander. Wie hälst du die Spannungen aus, ohne Partei zu ergreifen oder dich innerlich zu distanzieren?

Ich finde ja erst einmal die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten super interessant. Und häufig finden Paare (aber auch Einzelne) auch ganz andere Lösungswege, als wie ich sie mir jemals vorstellen könnte. Es bereichert mich sehr, diese Wirklichkeiten zu verstehen und Lösungswege begleiten zu dürfen. Wichtig ist mir dabei doch nur, dass die Paare sich einvernehmlich einigen – es ist ja nicht meine Beziehung.

Viele Paare beschreiben, immer wieder über dieselben Themen zu streiten. Was hält diese Dynamiken aus deiner Sicht so hartnäckig am Leben?

Meine Erfahrung in der Arbeit mit Paaren zeigt, dass unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche und Ziele ausgesprochen werden und vom jeweils anderen erst einmal akzeptiert werden müssen, um dann miteinander in die Verhandlung gehen zu können. Hier zeigt sich häufig, welche kindlich erworbenen Erfahrungen immer noch wirksam sind – nämlich, ob eigene Bedürfnisse im Großwerden akzeptiert, berücksichtigt und erfüllt wurden oder auch nicht.

Was sollen Menschen über sich oder ihre Beziehungen verstanden haben, wenn sie deine Beratung wieder verlassen?

Es macht mich sehr glücklich, wenn die Menschen verstanden und vielleicht verinnerlicht haben, dass erstmal jeder für seine eigene Gefühle und Bedürfnisse selbst verantwortlich ist. Eine Beziehung gehen wir ja letztendlich freiwillig ein. Wenn uns das bewusst wird, können wir beginnen miteinander zu wachsen. Erwartungen und Projektionen dürfen angeschaut und verabschiedet werden. Wir hören dann damit auf, unser Gegenüber verändern zu wollen und können auf das schauen, was eigentlich in uns verändert werden möchte.

Was macht dir besonders an deinem Beruf Spaß?

Ich habe einen großen Respekt vor jedem Menschen, der sich aufmacht, um innere Themen anzugehen und bin sehr dankbar, wenn ich dabei hilfreich unterstützend sein kann. Freude macht es mir, wenn ich im Prozess miterleben darf, wenn bisher störende Muster durch neuerworbene hilfreiche ersetzt werden können.

Du bist ja gerade nach Lutterbek umgezogen …
Ja, ich lebe jetzt in der Region, die ich seit 30 Jahren regelmäßig aufgesucht habe und in einem Ort, dem ich sehr verbunden bin. Ich mag diese Wohn- und Lebensform in einem Dorf, wo noch aufeinander geachtet wird. Spaziergänge in der Natur waren schon immer wichtig für mich und hier kann ich die Weite der Ostsee, Barfusslaufen am Strand und den Wind besonders genießen. 

www.martina-hessler.de

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