Kuh & Kalb gehören definitiv zusammen!

17. Dezember 2020
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Unsere Massentierhaltung ist ausschließlich auf Profit ausgerichtet. Aber: Wir müssen umdenken! (adobe stock)

Interview mit Anne Hamester von PROVIEH

Die meisten von uns haben es vergessen, verdrängt oder wollen es gar nicht mehr wissen: Die Kuh gibt nur Milch, weil sie ein Kälbchen geboren hat. Die Milch ist eigentlich für das Kälbchen da. Alles ist den wirtschaftlichen Belangen der Menschen untergeordnet – arteigene Bedürfnisse der Tiere zählen kaum. Wir haben mit Anne Hamester von PROVIEH über eines der vielen brennenden Nutztier-Themen gesprochen, denen wir uns dringend stellen müssen: eine wesensgerechte Haltung von Kuh und Kalb!

WOMAN IN THE CITY:  Wo haben Sie schon mal gesehen, dass eine Kuh mit ihrem Kalb zusammen auf der Weide steht?

ANNE HAMESTER: Milchkühe mit ihren Kälbern auf der Weide habe ich tatsächlich erst in Form der kuhgebundenen Kälberaufzucht kennengelernt. Bei dieser besonders artgemäßen Form der Aufzucht kommen Kuh und Kalb in den Genuss der Zeit zu zweit.

WOMAN IN THE CITY:  Warum setzt Provieh sich dafür ein, dass genau das passiert?

PROVIEH setzt sich für artgemäße Haltungsbedingungen in der Nutztierhaltung ein, in der Rinderhaltung gehört dazu die gemeinsame Aufzucht von Kühen mit ihren Kälbern. Das gängige Verfahren der Milchviehhaltung ist jedoch, Kuh und Kalb unmittelbar nach der Geburt voneinander zu trennen. Das Kalb wächst dann die ersten Wochen isoliert ohne mütterliche Fürsorge in einem Kälberiglu auf, und sowohl Kuh als auch Kalb werden in ihrem arteigenen Verhalten gehemmt.

WOMAN IN THE CITY: Wie bringen sie die bauern dazu, dass artgerechte haltungen möglich werden und sich letztlich wirtschaftlich rechnen?

Zunächst beraten wir Landwirte und machen ihnen die Vorteile deutlich. Wir geben Erfahrungswerte von bereits praktizierenden Landwirten weiter, die uns berichten, wie kräftig und gesund die Kälber sind und wie Kühe, Kälber und letztlich die Landwirte von der Haltung profitieren. Doch wollen Landwirte artgemäße Verfahren einsetzen, sehen sie sich mit der wirtschaftlichen Realität konfrontiert. Die Erzeugerpreise sind ohnehin existenzbedrohend und das Verfahren der kuhgebundenen Kälberaufzucht kostspielig. Da kommen wir zum Grundproblem der Nutztierhaltung: Erst durch ausreichende Erzeugerpreise ist auch ein Mehrwert an Tierwohl möglich! Daher tritt PROVIEH gleichzeitig mit der Politik und Wirtschaftsakteuren in den Dialog.

WOMAN IN THE CITY:  Wieviel Milch können wir menschen Kuh & Kalb wegnehmen?

Zunächst muss sich jeder persönlich die Frage stellen, ob er oder sie tierische Produkte konsumieren möchte, die dann immer mit der Haltung, Nutzung und letztlich auch der Tötung des Tieres zugunsten von uns Menschen verbunden ist.
Grundsätzlich geben Milchkühe heute zucht- und futterbedingt hohe Milchmengen, die den Bedarf des Kalbes übersteigen und damit Milch für uns Menschen überlassen. Das Kalb sollte an erster Stelle stehen und sich unabhängig von uns Menschen satt trinken dürfen. Dann sollte allen Kühen, Kälbern und Bullen eine artgemäße und wertschätzende Haltung zugeschrieben werden, die wir Menschen durch eine ausreichende Honorierung der tierischen Produkte finanzieren.

WOMAN IN THE CITY: Das Projekt „Kuh plus Kalb“ wurde schon mit Bauern umgesetzt. Wie genau sieht es aus?

PROVIEH unterstützt die HeuMilch Bauern, eine Erzeugergemeinschaft von 34 Betrieben aus Süddeutschland. Diese verfolgen die Idee, ihre Haltung besonders artgemäß auszugestalten und ihre Milch- und Fleischprodukte selbst zu vermarkten. Neben der kuhgebundenen Kälberaufzucht zeichnen sie sich durch den Demeter-Biostandard, das Horntragen und die Heufütterung der Rinder aus. Um sie zu unterstützen, entwickelte PROVIEH gemeinsam mit ihnen ein Label für die kuhgebundene Aufzucht. Dieses wurde an klare Anforderungen des ebenso gemeinsam verabschiedeten Standards der kuhgebundenen Kälberaufzucht gebunden. So konnten die Bauern eine erfolgreiche Vermarktung aufbauen.

WOMAN IN THE CITY: Kühe sind hochsensible Tiere – oder?

In der Tat. Kühe sehen mit einem viel weiteren Winkel von 330 Grad auch, was seitlich hinter ihnen passiert. Der scharfe Winkel ist jedoch lediglich 30 Grad und wird bei Stress zu einem Tunnelblick. Kühe hören und riechen außerdem besonders gut und bewerten Geräusche und Gerüche zusätzlich positiv oder negativ. Laute, hohe und schrille Geräusche hören Kühe viel stärker, daher sollten metallische oder quietschende Töne vermieden werden. Und Geräusche vom Tiertransporter, vom Tierarzt oder der Klauenpflege werden negativ eingeordnet und sind mit Stress verbunden. Außerdem ist das Sozialgefüge einer Kuhherde komplex und von langjährigen Beziehungen, einer klaren Rangordnung und dem Distanzbestreben von Rindern geprägt. Diese besonderen Sinne und Verhaltensweisen müssen in der Haltung von Rindern unbedingt berücksichtigt werden.

WOMAN IN THE CITY: Worauf sollten die verbraucher achten?

Ein bewusstes, regionales und auf Tierwohl bedachtes Konsumverhalten wäre wünschenswert. Als Leitlinien könnten sowohl ein strenger Bioverbandsstandard, der Weidegang, das Horntragen der Rinder sowie die regionale Verknüpfung von Milch- und Fleischproduktion zur Vermeidung von Tiertransporten – und wenn möglich die kuhgebundene Kälberaufzucht dienen.

WOMAN IN THE CITY: Wie vereinbaren Sie persönlich die Idee von guter (oder gar keiner) Nutztierhaltung mit ihrem Ess- und Kaufverhalten?

Ich persönlich esse nur wenig tierische Produkte und versuche meinen Konsum von Milchprodukten an den genannten Anforderungen zu orientieren. Fleischprodukte konsumiere ich nur selten und kaufe sie dann auf den Kieler Wochenmärkten bei regionalen Hof-Schlachtereien.

Lesen Sie auch: Alle Milchsorten im Vergleich! Damit Sie wissen, was Sie kaufen!

www.provieh.de

 
STECKBRIEF  
Name: Anne Hamester
Beruf: Fachreferentin für
Tierschutz in der Landwirtschaft
Familie: Klein aber fein.
Hobbys: Natur, Kultur und
Freundschaften genießen
das wünschen Sie sich zu Weihnachten: Schnee.

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