Altmodisch oder lässig: Ansprache in SIE oder DU?

17. September 2021
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Siezen oder Dutzen? Das ist oft die Frage. Sollte man sich auf sein Gefühl verlassen? (adobe stock)

Siezt du noch oder duzt du schon?

Unsere Sprache ist im Wandel und Anglizismen verwenden wir völlig selbstverständlich. Doch wie sieht es mit bestimmten Anspracheformen aus? Stirbt die höfliche Anredeform tatsächlich langsam aus? 

Ich weiß noch ganz genau wie meine Grundschullehrerin in der 2. Klasse konsterniert auf einen Klassenkameraden reagierte, als ihm das „Du – Frau Lehrerin“ rausrutschte. In der 1. Klasse sei das ja noch zu verzeihen, aber in der 2. Klasse müsse das mit dem „Sie“ und der höflichen Anrede ja wohl endlich auch mal klappen.
Obwohl ich selbst gar nicht die gemaßregelte Sünderin war, das Konzept verstanden hatte und anwenden konnte, war ich sehr beschämt über diesen Rüffler. Mir wurde in diesem Moment nachdrücklich klar, dass man in Ungnade und sehr unangenehm auffällt, wenn man das mit dem „Sie“ nicht hinbekommt. Seitdem ist bei mir also Vorsicht eingebrannt und ich würde auch heute niemals auf die Idee kommen einfach so und unaufgefordert drauflos zu duzen. Alle fremden Menschen, die älter als 16 Jahre sind und mit denen ich nicht durch das Ausüben einer Sportart oder ähnlicher Freizeitaktivitäten verbunden bin, werden von mir per se erst einmal gesiezt. Das gehört sich doch so! Oder?!?

Andere Länder, andere Sitten

Als die Regel mit dem „you“ im Englischunterricht schon halbwegs ausgehebelt wurde und ich noch etwas später herausfand, dass die Dänen sich sogar mit dem Vornamen ansprechen und duzen, war mir das dann auch irgendwie gar nicht so recht. Mancher mag mich da konservativ finden oder angestaubt.
Aber mir bedeutet das „du“ tatsächlich etwas. Für mich ist das „du“ ein Status, den ich nicht jeder und jedem in meinem Umfeld sofort geben und welchen ich gleichzeitig auch nicht von anderen sofort aufgedrückt haben möchte. Vielmehr finde ich den Umgang in vielen Situationen viel höflicher und einfacher, wenn das „Sie“ bleibt und beide Seiten schützt. Ich möchte mich mit neuen Personen akklimatisieren und es auch beim distanzierten und höflichen „Sie“ belassen können, wenn ich nicht die Absicht hege die Person näher an mich herankommen zu lassen, noch ein Vertrauensverhältnis aufbauen möchte oder die Person nie wieder sehen werde.

Das DU als bewusste Methode

Zum Beispiel bin ich irritiert, wenn die eigentlich sehr nette und wirklich angenehme, doch mir völlig unbekannte Kellnerin meinen Mann und mich mit „So, ihr Lieben, habt ihr euch denn schon etwas Schönes ausgesucht?“ anspricht. Sobald sie unseren Tisch verlassen hat, muss ich erst einmal nachfragen, ob wir sie nicht doch kennen und ich bloß vergessen habe woher. Dann mache ich aber lange Ohren und höre, dass sie das bei allen anderen Gästen auch so macht, also völlig inflationär Vertrautheit suggeriert. Vielleicht ist das gut fürs Trinkgeld. Oder vielleicht finden viele andere Gäste das auch angenehm und fühlen sich dadurch gut behandelt. Oder es gehört zum lässigen Stil des Etablissements. Ich hingegen fühle mich damit einfach unwohl, vielleicht auch schlicht überfordert. Immerhin ist sie ca. 15 Jahre jünger, wir haben absolut nichts gemeinsam und wollen hier keine Freundschaft schließen, sondern einfach nur in Ruhe gut essen gehen. Mein Mann sieht das völlig anders und meint, dass sei jetzt halt so und ich solle mich eben dran gewöhnen. Aha.

Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich

Insgeheim denke ich trotzdem: Wir kennen uns doch gar nicht!? Was ist denn das mit dem gemeinsamen Schafe hüten und so? Was ist denn so schlecht daran zu fremden erwachsenen Menschen ein wenig Abstand einzuhalten? Es ist doch viel schöner, wenn das „du“ eine echte Nähe kennzeichnet und nicht eine aalglatte Oberflächlichkeit und trotzdem völlige Unverbindlichkeit. Höfliche Umgangsformen sind doch nicht weniger nett und wir verzichten jetzt ja auch nicht auf Bitte und Danke. Ich würde mich im Umkehrschluss nicht trauen die junge Frau einfach so zu duzen. Warum auch? Ich kenne sie ja gar nicht und würde nicht wollen, dass sie meine Ansprache als respektlos empfindet. Immerhin obliegt es den Älteren, den Jüngeren das „DU“ anzubieten und würde ich sie einfach duzen, könnte man das auch als respektlos oder gar abwertend auffassen. Wenn diese alten Regeln also auf einmal gebeugt und vermischt werden, macht es den Umgang meiner Auffassung nach nicht leichter und lässiger, sondern komplizierter. Außerdem bewahrt man sich und dem jeweiligen Anlass eine angenehme neutrale Sachebene, wenn man die persönliche Ebene gar nicht erst durch das „du“ angekratzt hat.

Und wie eine gute Freundin mir neulich erst wieder bestätigte, ist es gerade im beruflichen Kontext, vor allem wenn die Lage mal etwas angespannter wird, so viel leichter und angenehmer „Sie A….“ als „du A…“ zu sagen bzw. natürlich nur zu denken…

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