„Möge die Menschheit endlich erwachsen werden!“

30. Januar 2020
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Ziegen brauchen keine Selbstfindungskurse!

Im Interview: Svenja Furken engagiert sich im Vorstand von PROVIEH in Kiel (Deutschlands ältestem Fachverband für Nutztierschutz) und bietet auf ihrem Hof bei Ahrensburg Trekkingtouren mit Ziegen an.

WITC: Schon als Kind haben Sie Ziegen geliebt – ist Ihnen das Engagement für Nutztiere in die Wiege gelegt worden?

Meine Liebe zu Tieren ist mir tatsächlich in die Wiege gelegt worden, da ich mit vielen Tieren aufgewachsen bin. So hatten wir zeitweise drei Hunde, drei Katzen, Wellensittiche, einen Graupapagei und einen Garten voller Frösche, Molche und Insekten. Unseren Urlaub verbrachten wir jedes Jahr auf einem uralten Bergbauernhof in Osttirol. Es gab für mich dort kaum etwas Schöneres, als beim Füttern und Melken im Stall, der Heuernte oder beim Kühehüten zu helfen.
Sicherlich haben mich dieser Bilderbuchbauernhof und die sehr tierliebe Bergbauernfamilie sehr auf landwirtschaftliche Nutztiere geprägt. Dort habe ich aber auch die Schattenseiten des bäuerlichen Lebens kennengelernt, wenn die ganze Familie mit Tränen in den Augen eine Kuh verkaufen musste.

WITC: Sich für eine gute Haltung von Nutztieren einzusetzen, wie Sie es bei Ihrem Engagement bei PROVIEH tun, bedeutet nicht, dass Sie sozusagen vegan unterwegs sind und das Töten von Tieren ablehnen…?

Ganz ehrlich: ich wäre so gerne ein reiner Pflanzenfresser und beneide meine Ziegen für Ihre Vorliebe für Gras und Blätter.
Ich respektiere aber, dass Menschen Fleisch essen und Tiere dafür getötet werden. Doch ich erwarte dann, dass die Tiere zuvor ein bestmögliches und artgerechtes Leben ohne Schmerz und Leid hatten! Was ich nicht akzeptieren kann, ist, dass Tiere in industrieller Tierhaltung zu reinen Produktionseinheiten degradiert wurden und in ihrem kurzen Leben leiden müssen! Das trostlose und oft mit körperlichen Qualen verbundene kurze Leben dieser Tiere, die oft viel zu langen Tiertransporte und die industrielle Schlachtung am Fließband, sind eine Schande für unsere Gesellschaft! Deshalb engagiere ich mich bei PROVIEH.

WITC: Mit wie viel Tierleid werden Sie konfrontiert und wie ist das letztlich auszuhalten?

PROVIEH ist kein Verein, der nachts in Ställe einbricht und Missstände filmt oder Tiere befreit. Deshalb werde ich nicht mit extrem tierschutzwidrigen Situationen hautnah konfrontiert. Ich würde daran vermutlich zu Grunde gehen!
PROVIEH arbeitet überwiegend politisch und versucht durch Aufklärungskampagnen und im Dialog mit Politik, Tierhaltern, Lebensmitteleinzelhandel und Verbrauchern Lösungsansätze für bessere Haltungsbedingungen bei Nutztieren zu finden. Für mich kaum auszuhalten ist, dass der gesellschaftliche und politische Wandel hin zu einer artgerechteren Tierhaltung leider nur sehr langsam voranschreitet.

WITC: Wenn Sie Politikerin wären und entscheiden könnten: Was wären Ihre 6 wichtigsten Entscheidungen, die sofort umgesetzt werden sollten?

• Rolle rückwärts: Wir müssen uns von dem System „immer mehr und immer billiger“ produzieren zu wollen, verabschieden. Dieses System ist in den Hungerjahren nach dem zweiten Weltkrieg geboren und sorgte dafür, dass die notleidende Bevölkerung schnell mit bezahlbaren Nahrungsmitteln versorgt werden konnte. Damals war das eine gute Entscheidung. Doch inzwischen haben wir den Bogen längst überspannt und damit die Landwirte, die Tierhaltung – und unsere Umwelt ans Limit gebracht. Jetzt müssen wir wieder auf ein gesundes Maß zurückrudern und erkennen: weniger ist mehr! Nur mit weniger Erträgen lassen sich Tierwohl und Nachhaltigkeit realisieren.
• Zielgerichtete Förderung für mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Momentan werden 70 Prozent der EU Agrarsubventionen pauschal als sogenannte Direktzahlungen pro Hektar verteilt. Wer viele Hektar besitzt, bekommt auch viel Geld! Besonders tierfreundliche oder nachhaltige Wirtschaftsweisen werden dabei kaum berücksichtigt.
• Strenge Kontrollen und Umsetzung der geltenden Tierschutzgesetze. Zur Erinnerung: Seit 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert! Ein ganz aktuelles Beispiel dazu ist der sogenannte Kastenstand in der Sauenhaltung: Seit 1988 – mit einer Übergangsfrist von vier Jahren – sah die Schweinehaltungsverordnung vor, dass sich Sauen in einem Kastenstand (körpergroßer Gitterkäfig, in dem Sauen etwa die Hälfte ihres Lebens fixiert werden!) in Seitenlage ausstrecken können müssen. Trotz dieser Vorgabe, wurden seit 1992 durchgehend zu kleine und daher rechtswidrige Kastenstände behördlich genehmigt. Wie kann das sein? Erst im Jahre 2015 – also 23 Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung – wurde im sogenannten „Magdeburger Urteil“ auf die Rechtswidrigkeit dieser zu engen Metallkäfige hingewiesen. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte ein Jahr später dieses Urteil. Etwa 90 Prozent der Kastenstände in Deutschland sind daher illegal! Um die zu kleinen Käfige wieder zu legalisieren, hat Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat nun eine Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung vorgeschlagen, in dem der Passus, dass die Tiere ihre Beine ausstrecken können müssen, einfach herausgestrichen werden soll. Die Abstimmung zu der Verordnungsänderung soll im Februar erfolgen. Für uns ist das ein Skandal!
• Einführung einer gesetzlich verpflichtenden Haltungskennzeichnung. Nach dem Vorbild der Kennzeichnung beim Frischei (0=Bio, 1 = Freilandhaltung, 2= Bodenhaltung, 3 = Käfighaltung) soll auch beim Kauf von Fleisch- und Milchprodukten sichtbar werden, unter welchen Bedingungen die Nutztiere gelebt haben. Die Einführung der Haltungskennzeichnung bei Eiern hat dazu geführt, dass Eier aus Käfighaltung aufgrund geringer Nachfrage inzwischen aus dem Sortiment der Supermärkte ausgelistet wurden.
• Höhere Preise für Lebensmittel tierischen Ursprungs und mehr Wertschätzung für die Arbeit der Landwirte.

WITC: Sie selbst leben mit Ihrer Familie auf dem Hof „Brauner Hirsch“ in Ahrensburg …

Mein Mann und ich haben uns in einer Naturschutz-Jugendgruppe kennengelernt. Als junges Paar arbeiteten wir ehrenamtlich für den Verein als Vogelwart in einem Naturschutzgebiet an der Unterelbe. Dort sollte das Grünland um die Vogelwärterstation, die in einem historischen Bauernhaus untergebracht war, von Schafen beweidet werden. So kamen wir zu unseren ersten Schafen. Als wir später eine Familie gründen wollten, war es uns wichtig, dass unsere Kinder in der Natur und mit vielen Tieren aufwachsen sollen. In unserer Heimatstadt Ahrensburg fanden wir einen altResthof zur Miete und konnten Land pachten. Als Mitglied in der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH e.V.)“, halten wir auf unserem Hof überwiegend vom Aussterben gefährdete Haustierrassen. So leben bei uns aus der Vogelwärterzeit noch einige alte Skudden (gefährdete Schafrasse), meine Tochter züchtet inzwischen noch Ouessantschafe (Bretonische Zwergschafe) und ich arbeite mit Thüringer Waldziegen. Außerdem gibt es uns noch eine große Hühnerschar, Bienen und eine Katze. Die Wiesen um unseren Hof stehen unter Naturschutz und werden einmal im Jahr mit schonendem Maschineneinsatz wie anno dazumal gemäht. Sie bilden die Futtergrundlage für unsere Tiere im Winter und leisten zugleich einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. Die Nebenerwerbslandwirtschaft macht uns viel Freude, erfordert aber sehr viel körperlichen Arbeitseinsatz und Idealismus, denn leben kann man davon nicht! Mein Mann betreibt zusätzlich noch ein Ingenieurbüro und ich arbeite freiberuflich in der Umweltbildung.

WITC: Was fasziniert Sie denn so an Ziegen? Und: Wieviel Geduld brauchen Sie, damit die Ziegen Ihnen vertrauen?

Ziegen sind eigensinnig und schlau – und haben sich eine gewisse Unabhängigkeit vom Menschen bewahrt. Das gefällt mir. Ziegen sind wenig beherrschbar und machen nur dass, was sie wirklich wollen. Wenn man das nicht respektieren kann, sollte man keine Ziegen haben. Ich habe wohl einfach Glück, dass meinen Ziegen die Trekkingtouren Spaß machen und dass sie mich irgendwie als Leittier akzeptiert haben. Sie sind sehr kooperativ und reagieren sehr aufmerksam auf meine Kommandos. Vielleicht kann man es Harmonie zwischen Tier und Mensch nennen. Ich habe aber auch eine Ziege, die die Touren offensichtlich blöd findet und diese durch sichtlich schlechte Laune boykottiert. Ich respektiere das und nehme sie deshalb nicht mehr mit. Ziegen haben einfach Charakter und damit muss man klarkommen.

WITC: Warum sollte ich Trekkingtouren mit Ziegen machen?

Viele meiner Teilnehmer sagen, dass die Ziegen entschleunigend wirken.

WITC: Was haben Ziegen, was wir Menschen nicht haben?

Ziegen brauchen keine Selbstfindungskurse, denn sie wissen genau, was sie wollen – und was nicht. Vielen Menschen scheint das heute zu fehlen.

WITC: Was muss sich ändern? Die Gesellschaft, die Bauern, die Verbraucher?

Vieles! Doch vor allem müssen wir begreifen, dass es verkehrt ist, nach „dem“ Schuldigen zu suchen. Schuld ist nicht der Bauer, der immer mehr Tiere halten muss und die Umwelt mit Gülle und Pestiziden belastet. Schuld ist auch nicht (nur) der Verbraucher, der im Supermarkt zu billigen Produkten greift. Schuld ist eine längst nicht mehr zeitgemäße Agrarpolitik, die auf das Prinzip „noch mehr und noch billiger“ baut. Es braucht viel Mut und ist eine große politische und gesellschaftliche Herausforderung, diesen Fehler einzugestehen und zu korrigieren, denn die Korrektur fühlt sich zunächst wie ein Rückschritt an – dient aber dem Wohle der Tiere, der Umwelt und den Menschen. Jeder von uns ist gefragt!

http://www.provieh.de

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