Studierende und die neue Zukunftsangst

19. Februar 2021
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Studenten müssen einsam studieren. (adobe stock)

im Interview: Kerstin Klostermann vom Studentenwerk Schleswig-Holstein

Studierende sind von der Pandemie in vielerlei Hinsicht stark betroffen: Viele haben ihren Job verloren und studieren online alleine zu Hause. Viele haben das Gefühl alleine „in der Luft zu hängen“. Dabei sind sie jung und wollen das Leben genießen. Ihre Not scheint die Politik nicht ernst zu nehmen.

MIT WELCHEN HERAUSFORDERUNGEN HABEN DIE STUDIERENDEN ZUR ZEIT AM MEISTEN ZU KÄMPFEN?

Allen voran mit der Studienfinanzierung. Obwohl zu dem Thema schon immer die meisten Fragen kamen, ist der Beratungsbedarf in dem Bereich im Vergleich zu 2019 um rund neun Prozent angestiegen. Das führen wir auf die Corona-Pandemie zurück. Vielen Studierenden ist der Nebenjob und damit die Existenzgrundlage weggebrochen. Außerdem drehten sich in den letzten Monaten mehr Beratungen um psychosoziale Themen, wie Angst oder Stress.

WIE UNTERSTÜTZT DAS STUDENTENWERK?

Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass möglichst viele Studierende BAföG erhalten. Unsere Sozialberatung und psychologische Beratung sind gerade jetzt in der Corona-Zeit wichtige Anlaufstellen für hilfesuchende Studierende. Darüber hinaus stellen wir weiterhin günstigen studentischen Wohnraum in unseren Studierendenwohnheimen zur Verfügung, bieten in unseren Kitas eine Notbetreuung an und führen verschiedene Online-Kulturkurse und -Events als Ausgleich zum Studium durch.

WIE WÜRDEN SIE DIE STIMMUNG UNTER DEN STUDIERENDEN BESCHREIBEN?

Zukunftsangst ist auf jeden Fall ein Thema und hat im zweiten Lockdown zugenommen. Beim ersten Lockdown hatten die Studierenden noch den Eindruck, dass es sich nur um einen begrenzten Zeitraum handelt. Nun zieht sich die Corona-Zeit immer weiter und ein Ende ist nicht eindeutig in Sicht. Das drückt auf die Stimmung und wirft Fragen auf, wie „Wie lange dauert mein Studium noch?“, „Wie nutze ich die Zeit, die mir verloren geht, sinnvoll?“, „Wann kann ich meine Prüfung machen?“ oder „Wann werde ich wieder einen sicheren Nebenjob haben, um mein Studium finanzieren zu können?“. Das Gefühl, nicht richtig voranzukommen und in der Luft zu hängen, macht sich breit.

GERADE JUNGE MENSCHEN LEIDEN AUCH UNTER DEN KONTAKTBESCHRÄNKUNGEN …

Nach unseren Erfahrungen sind es in Pandemiezeiten vor allem Erstsemesterstudierende, Studierende, die das Studienfach bzw. den Wohnort gewechselt haben, (ältere) Langzeit- und internationale Studierende, die unter Einsamkeit leiden. Dadurch, dass man sich nicht mehr auf dem Campus über den Weg läuft und das spontane Kontakteknüpfen wegfällt, fühlen sie sich abgekoppelt und auf sich alleine gestellt.
In unserer psychologischen Beratung zeigen wir den Studierenden unter anderem den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit auf und helfen ihnen dabei, dem Alleinsein vielleicht sogar etwas Positives abzugewinnen. Welches Hobby wollte ich schon immer mal ausprobieren? Woran hatte ich in der Vergangenheit Freude? Welche Rituale helfen mir, meinen Tag als erfüllend wahrzunehmen?

WIE ERLEBEN SIE PERSÖNLICH DIESE ZEIT?

Die Welt steht im wahrsten Sinne des Wortes still. Das spiegelt sich besonders anschaulich bei uns auf dem Unicampus und in unserer Mensa I wider. Wo sich sonst tausende Studierende täglich tummeln, herrscht plötzlich eine geisterhafte Atmosphäre. Das nehme ich als sehr bedrückend und irreal wahr. Auch im Privatleben steht vieles still. Es ist eine Zeit des Wartens. Doch der Stillstand birgt auch Positives: Zeit, um Neues auszuprobieren und Altes wiederzubeleben. Stille, um in sich hineinzuhorchen und manches klarer zu sehen.

 

STECKBRIEF

Kerstin Klostermann vom Studentenwerk Schleswig-Holstein

Name: Kerstin Klostermann
Beruf: Abteilungsleiterin Kommunikation und Kultur, Studentenwerk Schleswig-Holstein
Hobby: Häkeln, Podcasts hören, Radfahren
Mein letztes tolles Gespräch…  hatte ich mit einem befreundeten Lehrer über aufbrechende Rollenbilder und darüber, wie er seinen Schüler*innen vermittelt, dass sie genauso sein dürfen, wie sie möchten.
Auf diese 3 Dinge möchte ich nicht verzichten: menschliche Nähe, Strandspaziergänge, thailändisches Essen

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