Warum sind wir eigentlich immer so gestresst?

29. September 2021
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Stress und seelische Gesundheit - in Zeiten der Pandemie müssen wir besonders auf uns achten. (adobe stock)

Interview mit Frauke Nees, Professorin für Medizinische Psychologie in Kiel

 „Generell kann man sagen, dass es eine Entwicklung hin zu immer mehr Stresserleben im Alltag gibt und die Stressquellen sich verändert haben“, sagt Frauke Nees.  WOMAN IN THE CITY mit ihr über Stressfaktoren, unsere seelische Gesundheit in Pandemie-Zeiten, die Umstände der modernen Welt auf unsere Gefühle & digitale Lernprozesse gesprochen und sie auch nach dem Ausweg aus dem „Hamsterrad Stress“ gefragt.

Seit März 2020 ist Frauke Nees (41) Professorin für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Leiterin des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am UKSH Campus Kiel. Zuvor war sie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

WITC: Sie sind im März 2020 als Professorin an die Kieler Universität gekommen – haben Sie seitdem Kiel überhaupt schon kennenlernen können?

Frauke Nees: Ich bin direkt in die Corona-Zeit „gestolpert“. Vorher habe ich in Mannheim und Heidelberg gelebt und gearbeitet. Aber ich finde die Atmosphäre in Kiel toll und entspannend. Tatsächlich habe ich aber das richtige Leben hier durch die besondere Phase wahrscheinlich noch nicht kennenlernen können.

WITC: Eines Ihrer Hauptthemen ist die seelische Gesundheit. Kommt diesem Thema in Pandemie-Zeiten eine herausragende Bedeutung zu?

Frauke Nees: Wir untersuchen zum Beispiel, wie sich Risikofaktoren wie Stress auf die seelische Gesundheit auswirken können. Bei unserer Schnelllebigkeit, dem immer größer werdenden Druck und den Belastungen kippt die seelische Gesundheit auch mal schnell. In Pandemiezeiten spielen solche Belastungen nochmal eine besondere Rolle. Dies betrifft hier vor allem auch den sozialen Bereich. Der Arbeitsplatz und auch die Familiensituation haben sich in der Pandemie zeitweise stark verändert. Und was am Anfang letzten Jahres am Beginn der Pandemie noch positiv war – wie zum Beispiel die Arbeit im Homeoffice, die auch vielfach als Chance gesehen wurde – kippte dann auch im Laufe der Zeit.

WITC: Was genau untersuchen Sie in ihren Studien zum Verhalten der Menschen in der Pandemie?

Wir haben uns hier zunächst Veränderungen im Drogenkonsum, vor allem Alkoholkonsum, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen angeschaut. Entgegen dem, was man bei Erwachsenen eher beobachten kann, kommt es bei Jugendlichen während der ersten Lockdownphase 2020 nicht zu einem Anstieg beim Alkoholkonsum. Das emotionale Erleben der Jugendlichen veränderte sich allerdings während dieser Phase deutlich und war tatsächlich auch ausschlaggebend für den Alkoholkonsum der Jugendlichen am Ende dieser Lockdown-Phase. Dies unterstreicht so ein wenig die bereits diskutierten möglichen negativen Nachwirkungen der ersten Pandemiezeit. Die ganzen psychosozialen Belastungsfaktoren könnten tatsächlich ein Risikopotential für mögliche gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen, wie eben einem erhöhten Alkoholkonsum, bergen.

WITC: Was ist eigentlich Stress?

Frauke Nees: Es sind äußere und innere Einwirkungen, die dem Einzelnen sozusagen abverlangen, diese zu verarbeiten und zu bewältigen und die letztlich dann auch negative Auswirkungen auf den Menschen haben können: Denken Sie zum Beispiel an sehr laute Städte mit kontinuierlichem Lärm auf den Straßen, verursacht durch den Autoverkehr, oder den Druck, den Sie sich selber machen, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Es gibt natürlich aber auch positiven Stress, z.B. bei Sportlern oder Schauspielern – eine Anspannung vor dem Wettkampf oder Auftritt, die dann auch förderlich sein kann, da sie Ressourcen mobilisiert. Generell kann man sagen, dass es eine Entwicklung hin zu immer mehr Stresserleben im Alltag gibt und die Stressquellen sich auch verändert haben.

WITC: Was genau versetzt uns denn in der modernen Welt in Stress?

Frauke Nees: Ein Aspekt sind sicherlich die Veränderungen in unseren Lebensstrukturen, wie die immer größer und dichter besiedelten Städte und Regionen, die Mobilisierung und auch die Veränderungen in sozialen Kontakten. Wie es oft so ist, ein Zuviel von etwas ist nicht immer gut. Ich selbst reise bspw. auch unglaublich gerne, bin gerne unterwegs – das liebe ich auch an meinem Beruf, die Vielfalt, die verschiedenen Eindrücke und auch immer wieder neue Menschen kennenzulernen. Es bringt aber gleichzeitig auch Herausforderungen in der Verarbeitung dieser neuen Eindrücke mit sich: man ist parallel unterwegs und gleichzeitig online über Handy und Laptop mit den eigentlichen Arbeitsorten verbunden. Da ist es schwer, die Balance zu halten und das Ganze kann schnell in die eine oder andere Richtung kippen und dann eben Stress verursachen. Hier ließen sich noch viele andere Bereiche mehr nennen – manchmal ist ein Weniger einfach mehr, um das Mehr dann auch wieder schätzen und wirklich erfahren zu können.

WITC: Wie genau können Menschen Stress unterschiedlich verarbeiten und wie wirkt sich Stress auf die seelische und körperliche Gesundheit aus?

Frauke Nees: Dass es bei der Verarbeitung von Stress Unterschiede gibt liegt unter anderem daran, was der Mensch bisher erlebt hat, wie man als Person ist, also welche Charakterzüge man besitzt, wie wichtig oder unwichtig einem Dinge sind, welche soziale Einbindung man hat. All diese Aspekte sorgen dafür, dass ich Ereignisse anders wahrnehme und bewerte und dann auch unterschiedlich auf sie reagiere.
Vor allen Dingen wirkst es sich aber negativ auf unsere Gesundheit aus, wenn diese Ereignisse häufig wiederkehren oder auch bei sehr starken Ereignissen, wie bestimmte traumatische Erlebnisse. Seelisch kann sich dies dann bspw. in einer schlechten Stimmung und Niedergeschlagenheit zeigen, körperlich in einer stärkeren Anspannung (bspw. der Muskeln – Sie kennen sicher, dass man sich bei Stress auch mal regelrecht verkrampft), dies kann dann zu somatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen führen. Man schüttet auch eine Reihe bestimmter Hormone aus, bis hin zu Veränderungen in ihrem Gehirn. Es spielt alles sozusagen zusammen und beeinflusst sich dann wiederum gegenseitig.

WITC: Macht uns Stress dümmer?

Frauke Nees: So pauschalisiert kann man das natürlich nicht sagen! Stress hat allerdings Auswirkungen auf das Gedächtnis und aufs Lernen. Hierbei spielt auch das Gehirn und die sogenannte neuronale Plastizität eine wichtige Rolle. Es gibt hier ein ganz nettes Zitat und zwar „Wenn unser Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir zu dumm, um es zu begreifen.“
Mit neuronaler Plastizität ist gemeint, dass sich unser Gehirn lebenslang bis ins hohe Alter verändern kann, und zwar in Abhängigkeit davon wie die Gehirnstrukturen genutzt werden. Das heißt dann auch, dass eine komplexe Umgebung mit ausreichend Stimulation (und Erfahrungen) langfristig zu besser vernetzten und damit effizienter arbeitenden Nervenzellen und Veränderungen in der Gehirnfunktion und -struktur führen kann. Und diese neuronale Plastizität ist mit der Grund, warum wir aus Erfahrungen lernen oder Gedanken speichern können.

WITC: Beeinflussen die digitalen Lernprozesse uns auf eine besondere Weise?

Frauke Nees: Ja, und auch hier muss man beide Seiten der Medaille betrachten. Sie bieten auf der einen Seite neue Eindrücke, neue Stimulation (wenn man z.B. an virtuelle Umwelten denkt), fordern uns heraus, können auf der anderen Seite aber natürlich auch dazu führen, dass wir in manchen Bereichen Beeinträchtigungen erleben. Zum Beispiel im Bereich der Sprache, weil wir uns anders austauschen, Gedanken nicht mehr in ganze Sätze fassen, sondern dies über Symbole ausdrücken. Und entsprechend kann sich dies dann auch in Veränderungen im Gehirn und auf vielen anderen Ebenen widerspiegeln.

WITC: Gibt es einen Ausweg aus dem Hamsterrad Stress?

Frauke Nees: Ja, den gibt es, dieser muss aber auch immer wieder neu angestoßen werden. Da wir, die Gesellschaft und alles was damit assoziiert ist, sich auch ständig ändert. Schon allein nur wir selbst, als Individuum, sind mal gut, mal schlecht gelaunt und somit sind die Bedingungen, mit denen wir gerade durch uns konfrontiert sind, auch immer andere. Leben ist sozusagen Bewegung und deshalb ist es auch immer so schwer, einen fixen Zustand, wie Stressfreiheit, zu behalten. Wenn man sich dessen aber bewusst ist, dann kann es einem gut gelingen, sich immer wieder in die Balance zurückzubringen. Und wenn man dies schon bei sich selbst tut, dann kann sich schon dadurch auch die Umwelt, die Gesellschaft ein kleines Stück mit verändern. Und umgekehrt ist es lohnenswert, in der ganzen Gesellschaft ansetzen: Werte reflektieren, Trends hinterfragen und sich damit auseinandersetzen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass unser Gehirn immer Auszeiten braucht. Dies ermöglicht es uns, die Dinge dann auch wieder aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

WITC: Was bedeutet früher Stress in der Kindheit und Jugend für die weitere Entwicklung?

Frauke Nees: Hier gibt es mittlerweile deutliche Befunde, dass sich dies negativ auf die spätere Entwicklung und Gesundheit auswirken kann. Und das ist im Grunde auch nicht so verwunderlich, wenn man daran denkt, dass sich in dieser Zeit ja so viel verändert und hier die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Erhöhter Stress kann bspw. die Gehirnentwicklung beeinflussen und es kann zu Veränderungen in Hirnregionen kommen, die die Verarbeitung von Emotionen betreffen. Und dies verändert dann auch, wie jemand künftig auf emotionale Situationen reagiert, wie sensitiv er ist und dergleichen.

WITC: Das Thema unserer Ausgabe ist „Ankommen“. Was können Sie uns als Professorin für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie in Bezug darauf sagen?

Frauke Nees: Es ist einfach wichtig, bewusst(er) zu leben, seine Umwelt wahrzunehmen und im Moment zu sein. Dann ist man angekommen, bei sich – und dadurch vermutlich auch überall anders.
Ich mag Rainer Maria Rilke und er hat mal in so etwa gesagt: Geduld zu haben gegen alles Ungelöste im Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben. Es handelt sich darum, alles zu leben und vielleicht lebt man dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein. b

 

• NAME: Frauke Nees • BERUF: Direktorin, Professorin / Psychobiologie und Neurowissenschaften • FAMILIE:  ledig • LEBENSMOTTO: „Solange der Künstler arbeitet, um ein reicher Mann zu werden, wird er immer ein armseliger Künstler bleiben.“ (Michelangelo) • HOBBYS: Musik, Reisen, antike Möbel, Sport (v.a. Fahrrad fahren und wandern) • LIEBLINGSORTE: auf einem Balkon sitzend mit Blick über das Wasser oder auf das Treiben auf der Straße – generell draußen in der Natur - / Wien • DAS HABE ICH MIR ZULETZT GEKAUFT: Blumenstrauß

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