Rassismus: keine Frage des Alters!

10. September 2020
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Samiah El Samadoni ist Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten und Beauftragte für die Landespolizei Schleswig-Holstein, Juristin und zertifizierte Mediatorin

im Interview: Wie rassistisch sind wir eigentlich?

Samiah El Samadoni ist Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten in Schleswig-Holstein. WOMAN IN THE CITY sprach mit ihr über Diskriminierung und Rassismus.

„Es gibt verschiedene persönliche, unveränderbare Merkmale wegen derer man diskriminiert werden kann. Ein Merkmal ist zum Beispiel die ethnische Herkunft. Dabei ist es das Wesen der Diskriminierung, dem einzelnen seine Individualität abzusprechen.“

WOMAN IN THE CITY: Haben Sie schon mal Diskriminierung selbst erlebt?

SAMIAH EL SAMADONI: Ja, ich habe Diskriminierung erlebt. Sowohl als Frau, als auch als Mensch mit Migrationsgeschichte. Manchmal ist das nicht böse gemeint und auch nicht so schlimm – so werde ich oft gefragt: „Woher kommst du denn?“ Und ich antworte „Aus Kiel.“ Dann folgt die Frage: „Nein, ich meine doch wo kommst du denn eigentlich her. Wo bist du denn geboren?“ Ich antworte dann „Ich bin in Kiel geboren.“ Als Kind habe ich nicht einmal verstanden, was die Fragesteller*innen da von mir wollten und rückblickend war das fast eine lustige Situation. Ich bekomme auch manchmal Komplimente dafür, dass ich so gut deutsch spreche. Für manche Menschen ist es einfach so, dass man mit meinem Aussehen und meinem Namen unmöglich aus Kiel kommen kann. Und irgendwie bekomme ich damit auch gespiegelt, dass ich nach Auffassung einiger doch nicht so richtig deutsch bin. Manchmal kann Diskriminierung aber auch regelrecht weh tun – das ist zum Beispiel bei den Beschimpfungen so, die mir in den sozialen Medien um die Ohren geschlagen werden.

WOMAN IN THE CITY: Es gibt verschiedene Arten der Diskriminierung, eine davon ist Rassismus – ist das richtig?

SES: Ich würde es so formulieren: Es gibt verschiedene persönliche, unveränderbare Merkmale wegen derer man diskriminiert werden kann. Ein Merkmal ist zum Beispiel die ethnische Herkunft. Dabei ist es das Wesen der Diskriminierung, dem einzelnen seine Individualität abzusprechen. So werden allein aufgrund der Hautfarbe einem Menschen zum Beispiel bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen unterstellt, das ist das Wesen von Rassismus.

WOMAN IN THE CITY: Leben wir hier im Norden Deutschlands eher in einer Umgebung, in der wir weniger mit Rassismus zu tun haben? Oder ist es eher so, dass wir alltäglichen Rassismus gar nicht wahrnehmen?

SES: Die Antwort auf diese Frage hängt einfach davon ab, wen man fragt. Ich denke, dass es für People of Color in unserer Gesellschaft nicht einfach ist und dass es viel Alltagsrassismus gibt. Als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Landes erfahre ich auch viele Geschichten von Menschen, die rassistisch diskriminiert wurden. Dabei ist kein Lebensbereich von dieser Diskriminierung ausgenommen. Das, was wirklich häufig vorkommt, ist die Benachteiligung zum Beispiel im Alltag durch rassistische Beschimpfungen oder das „Aussortieren“ beim Einlass in die Disko, bei der Anmietung von Wohnraum oder auch bei Bewerbungen auf einen Arbeitsplatz.

WOMAN IN THE CITY: Wieviel Rassismus ist wirklich in uns?
Ich glaube nicht daran, dass der Rassismus „in uns“ ist – ich denke, dass Kinder grundsätzlich frei von Wertungen und Vorurteilen geboren werden. Es handelt sich um „erlerntes“ Verhalten, dem wir natürlich auch entgegenwirken können. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dies zu tun, denn Gleichbehandlung entspricht unseren Grundwerten als Gesellschaft. Dementsprechend ist diese ja auch als Grundrecht und Grundsatz in Art.3 Grundgesetz normiert.

WOMAN IN THE CITY: Sind unsere Schulen hier nicht gefragter denn je, die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken? Oder ist es eine Frage der Erziehung?

SES: Beides spielt dabei eine Rolle – die Schule und die Erziehung zuhause. Gerade über die Schulen – die auch einen Erziehungsauftrag haben – sollte meines Erachtens das Thema Rassismus noch stärker altersgerecht im Unterricht bewegt werden. Das Ziel muss ja sein, die Werte unserer Verfassung immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen, diese sind der wesentliche Konsens unseres Zusammenlebens. Unsere Verfassung ist geprägt von Weltoffenheit und Toleranz und dies sollte auch noch stärker das Ziel des Erziehungsauftrags sein. Das könnte man zum Beispiel stärker fördern, indem man die Bilder, mit denen unsere Kinder in den Lehrbüchern groß werden und die unsere „Normalität“ darstellen, noch diverser gestaltet.

Im Mathe-, Englisch- oder auch Deutschlehrbuch sind die Menschen nämlich immer weiß, Familien bestehen aus Mutter, Vater und zwei Kindern und es sitzt auch niemand im Rollstuhl. Dabei sieht unsere Welt viel bunter und vielfältiger aus. Das betrifft die mediale Welt insgesamt.
Aber alles, was wir in den Schulen machen, ist natürlich nur halb so wirksam, wenn die Erziehung und die Vorbilder zuhause zu dieser Offenheit und Toleranz widersprüchlich sind.

WOMAN IN THE CITY: Ist Rassismus auch eine Frage des Alters? Sind junge Leute weltoffener?

SES: Das halte ich für ein Vorurteil. Nein, Rassismus ist nach meiner Wahrnehmung keine Frage des Alters.

WOMAN IN THE CITY: Gibt es einen Unterschied zwischen Rassismus bei Frauen und Männern?

Frauen und Männer als People of Color werden gleichermaßen Opfer von Rassismus, auch wenn es vielleicht geschlechtsbezogen andere Lebensbereiche sind, die betroffen sind. So haben es Frauen zum Beispiel nicht so schwer in die Disko zu kommen wie Männer. Dafür sind andere Grenzüberschreitungen, wie sexualisierte Berührungen, häufiger.
Hierzu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, genauso wie zu der Frage, ob Frauen und Männer als Täter*innen von rassistischer Diskriminierung unterschiedlich sind. Grob verkürzt: das scheint nach diesen Studien nicht der Fall zu sein. Allerdings werden rassistische Männer stärker wahrgenommen, weil Männer mehr Macht in unserer Gesellschaft haben.

STECKBRIEF:
Name: Samiah El Samadoni
Beruf: Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten und Beauftragte  für die Landespolizei Schleswig-Holstein, Juristin und zertifizierte Mediatorin
Familie: verheiratet, ein Kind
Lebensmotto: Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!
Hobbys: Joggen, Yoga
zuletzt gelesen: Der Zopf von Laetitia Colombani
das letzte gute Gespräch: mit meinem Mann über unsere gemeinsamen Lebensziele
Kraftquellen: meine Familie, Freundinnen und Sport Krafträuber: unehrliche und hinterhältige Menschen

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